Interview: Veit Heinichen über „Borderless“

Vielen erscheinen die Schlüsse, die Veit Heinichen in seinem neuen Roman zieht, mutig oder gar verwegen. Im Interview erklärt der Autor, warum ihm Authenzität über alles geht.

Veit Heinichen, wieviel Realität steckt in dem neuen Roman „Borderless“?

Irgendwelche Geschichten aus meiner Phantasie zu saugen finde ich extrem langweilig, dazu ist die Welt um uns herum viel zu inspirierend. Sie schreit danach, erzählt zu werden. Ich bin bekannt dafür, dass ich nicht ohne oft jahrelange Recherche mit der Schreibarbeit beginne. Deshalb ist der Realitätsbezug in meinen Büchern stets groß, ich berühre oft Themen längst, bevor sie von anderen angefasst werden. Das ist ja das Tolle am Roman, dass man nur zensiert werden kann, wenn man schlecht erzählt. Wichtig ist immer, dass man etwas zu erzählen hat, dass die Authentizität stimmt, und die bin ich meinen Lesern schuldig.

Was Heinichen-Leserinnen und Lesern diesmal auffallen wird ist, dass „Borderless“ kein typischer Triest-Krimi ist, sondern ein internationaler Polit-Thriller mit teilweise weit entfernten Schauplätzen.

Auch die Laurenti-Krimis hatten immer einen internationalen Bezug, natürlich waren sie konzentrierter auf das Kompetenzgebiet des Kommissars, aber er hat sich durchaus auch erlaubt, über dieses hinauszugehen, wenn es nötig war. Aber in diesem Fall spielt Laurenti praktisch gar keine Rolle. Es ist ein Roman, der im Kanzleramt in Berlin beginnt, der in Salzburg handelt, in Kärnten, in Triest und Umgebung, an der türkisch-syrischen Grenze spielt, in Zagreb, in Rijeka, in Rom und in München-Pullach am Sitz des Bundesnachrichtendienstes. Insoweit ist der Titel auch Programm – Borderless. Wir leben in einer Welt, die grenzenlos ist, die grenzenlos benutzt wird, nicht nur von der Politik, sondern auch vom organisierten Verbrechen. Und vom Zusammenspiel Wirtschaft–Organisiertes Verbrechen–Politik.

Der Handlungsbogen spannt sich vom Bosnienkrieg 1994 über die Banken- und Finanzkrise bis hin zu ganz aktuellen Themen wie Migration und Rechtspopulismus.

Der Roman fängt ja nicht erst 1994 an, sondern sein Ursprung ist ein Akt, der 1990 passiert ist, also ein Jahr vor der Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens, und der zu diesem schweren Krieg auf dem Balkan geführt hat, ein Akt, an dem vor allem zwei Länder beteiligt waren: die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Österreich. Es heißt, da hätten sich die Deutschen das Kommando über den neu zu formenden kroatischen Geheimdienst gekauft, 800 Millionen D-Mark – unglaublich viel Geld – seien damals geflossen, und zwar vom deutschen Außenminister an den Chef des künftigen kroatischen Geheimdienstes, erst ein Jahr später erklärte Kroatien seine Unabhängigkeit. Österreich war dabei nicht unbeteiligt. So gesehen könnte man also sagen, dass der Krieg auf dem Balkan ein deutscher und ein Österreichischer war.

Sogar die jüngsten Diskussionen über ein Weisungsrecht der Politik über die Justiz werden in „Borderless“ thematisiert…

Um Gotteswillen, was heißt „die jüngsten Diskussionen“?  Das ist doch ein uraltes Thema. Ich darf daran erinnern, dass Italien das einzige Land in Europa ist, in dem es dieses Weisungsrecht nicht gibt. Überall anders kann die Politik Ermittlungsverfahren im Ansatz ersticken. In Italien ist die Staatsanwaltschaft ein Selbstregel-Mechanismus, in den die Politik nicht reinfunken kann. Ihre einzige Chance, Verfahren zu bremsen ist, die finanziellen Mittel zu kürzen und für eine Unterbesetzung der Ermittlungsbehörden zu sorgen. Die Bevölkerung ist gewohnt, dass wesentlich mehr auf den Tisch kommt dank der Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft – im Gegensatz zu Deutschland oder Österreich, wo man gerne auf die anderen zeigt, weil man über die eigenen Dinge nicht reden möchte.

Muss man als Autor mutig sein, wenn man Anti-Ausländerpolitik mit dem lukrativen Geschäft mit Flüchtlingsunterkünften verknüpft, die These aufstellt, dass Deutschland Waffenembargos umging und erklärt, dass ein bayerisches Institut vor der Übernahme einer Kärntner Pleitebank wohl wusste, worauf es sich einließ?

Wenn ein Autor mutig ist, begeht er Fehler. Wer mutig ist, hat eine Mission. Und das ist ganz und gar nicht literarisch. Ganz im Gegenteil. Der Leser kann sich selbst ein Bild schaffen von den Dingen, die ihm da erzählt werden. Natürlich wird es manchmal schon als Tabu angesehen, wenn man über Themen spricht, die eigentlich schon bekannt sind. Mut als Autor wäre hinderlich, aber die Authentizität zum Stoff ist förderlich. Und die befördert in einem Buch vor allem die Protagonisten. Die werden dadurch sehr lebendig. Da hat der Autor nichts hineinzupfuschen. Er muss sie machen lassen und ihnen folgen.

Wie entstand die Idee zu dem Roman? Man hört, dass Sie sich schon lange mit der Thematik beschäftigt haben. Aber gab es da eine Initialzündung, das alles auch zu Papier zu bringen?

Ich finde das immer lustig, wenn ein Autor nach einer Initialzündung befragt wird. Ein Autor, der arbeitet wie ich hat immer die Nase im Wind und ist aufmerksam. Den Moment, in dem er sich für ein Thema entscheidet, kann er gar nicht bestimmen, denn es interessiert ihn wahrscheinlich schon länger. Es ist nicht so wie wenn man einen Lichtschalter umlegt, nein. Es komponiert sich. Irgendwann kommt dann der Moment, wo man sich für einen Stoff entscheiden muss – denn es mangelt nicht an Stoff. Ich arbeite schon lange an „Borderless“, habe sehr viele unterschiedliche Versionen geschrieben, was jetzt publiziert ist, ist die 13. Version von 500 Seiten. Aber warum? Ich habe davor versucht, mein gesamtes Recherchewissen hineinzupacken, das kann nicht funktionieren, weil da das Erzählerische ausfranst.  Ich musste also dramatisieren, Schauplätze längs der türkisch-syrischen Grenze eliminieren, damit der erzählerischen Strang hielt. Die Vielschichtigkeit hat der Roman nach wie vor, er ist komplex, aber nicht mehr kompliziert. Das sind lange Prozesse, aber man darf da auch nicht überstürzt arbeiten, was nicht ganz einfach ist, aber dem Leser zugutekommt.

Commissario Laurenti kommt diesmal nur ganz am Rande vor, als Mentor der um einiges jüngeren Kommissarin aus Grado, die als einzige alles zu durchschauen scheint. Ist das jetzt ein Generationenwechsel?

Ach was – im fünften Roman habe ich versucht, den Laurenti umzubringen, und ich habe es nicht geschafft. Wir haben ja nicht wirklich ein freundschaftliches Verhältnis, eher ein schwieriges. Er hat sich als Chef aufgespielt. Was kann ich als Autor tun, damit ich ihm nicht mehr zum Opfer falle? Ich kann fremdgehen, ich habe ihm die Hörner aufgesetzt – jetzt. Er kratzt aber schon wieder an der Tür.

Bevor Laurenti die Türe wieder aufmacht noch eine letzte Frage: Man hört, dass „Borderless“ verfilmt werden soll. Ist da was dran?

Es ist hoffentlich was dran…

Dieses Interview wurde von Veit Heinichen autorisiert und ist honorarfrei verwendbar.
©Triest24.com

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