Interview: Veit Heinichen über „Entfernte Verwandte“

Veit Heinichens Commissario Laurenti muss in seinem jüngsten Fall „Entfernte Verwandte“ tief in die Vergangenheit eintauchen, um eine Mordserie, die Triest erschüttert, aufzuklären. Dem neuen Roman vorausgegangen sind umfangreiche Recherchen über ein dunkles Kapitel der Geschichte der Hafenstadt. 

 

Veit Heinichen, was bewegt Sie, das dunkle Kapitel der Geschichte Triests in den letzten Kriegsjahren mit einem Roman zu beleuchten?

Es ist auch hier wie überall: Krudes Geschwätz über die Vergangenheit, bzw. die Fälschungsversuche von Geschichte, verstärkt sich immer mehr und wird demagogisch, mit der Absicht, Verbrechen des eigenen Volkes nachträglich zu verharmlosen, aus Tätern Opfer zu machen. Und umgekehrt.

Gab es einen konkreten Anlass oder Vorfall, der Sie dazu überzeugte, den Roman Entfernte Verwandte“ anzugehen?

Die Anlässe gibt es, seit ich denken kann. Überlieferung der Geschichte, Ausblenden oder Verdrängung von Schuld, Versuche sich weißzuwaschen… Aber es gibt auch ein konkretes Datum, zu dem ich mich entschloss, die Recherchen in diese Richtung zu vertiefen: der 3. April 2014. Die Partisanenvereinigung fragte mich, einen gebürtigen Deutschen, die Rede anlässlich des 70. Jahrestages eines Massakers im Triester Ortsteil Opicina zu halten. 72 willkürlich bestimmte Personen wurden dort in der Tod geschickt, von einem deutschen Hinrichtungs-Kommando erschossen. Ich kam natürlich ins Straucheln, doch entschied mich, zuzusagen. Es war ein enormer Vertrauensbeweis, gerade mich um die Rede zu bitten. Der Auslöser liegt also mehr als sieben Jahre zurück.

War die Recherche zu den authentischen Hintergründen schwierig? Wie lange und mit welchen Methoden arbeiteten sie?

Jede ernsthafte Recherche verlangt eine große Ernsthaftigkeit. Schilderungen, Zeugenberichte, historische Werke sind zu prüfen. In diesem Gebiet seit jeher in den verschiedensten Sprachen. Es geht vor allem darum, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen, nicht in ideologische Fallen zu stolpern, die Authentizität zu überprüfen – und (!) die eigene Objektivität nicht zu verlieren, selbst bei Aussagen, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen. Ein Roman wird erst dann ein guter Roman, wenn er allen Stimmen Raum gibt. Erst dann wird er zu einem Spiegel einer Gesellschaft.

Gibt es überhaupt eine historische Wahrheit?

Es gibt vor allem zu viele Menschen, die behaupten, diese, und zwar ausschließlich diese zu kennen. Mit diesem Ansatz hat man schon verloren. An diesem geografischen Ort im Zentrum Europas und des Mittelmeerraums wird ein und dieselbe Geschichte in vielen verschieden Sprachen erzählt. Innerhalb dieser gibt es natürlich auch politische Standpunkte. Es ist also verdammt komplex und erlaubt nicht, nach der einen Wahrheit zu suchen, die es nicht geben kann. Je mehr man aber sein Wissen vertieft, umso größer wird die Kompetenz diese Geschichte auch glaubhaft zu erzählen. Verdrängung und Ausblenden würden zu einem Vergehen werden.

Wie geht man in Triest mit diesem Kapitel Zeitgeschichte um? Wird es aufgearbeitet oder totgeschwiegen?

Warum zum Teufel soll hier eigentlich immer alles anders sein, als bei Ihnen zuhause? Und „aufarbeiten“ ist so ein schrecklicher deutscher Ausdruck, der zur Verlogenheit verführt. Als gäbe es woanders nicht ebenfalls gute Historiker, Forscher, Staatsanwälte und Richter, die Licht in die finstersten Kapitel der Geschichte bringen. Leider ist diese Dunkelheit so enorm, dass man damit wohl nie zu einem Ende kommen wird.

Wie wird der Roman wohl in seiner italienischen Fassung vor Ort aufgenommen werden?

Warten wir einfach, bis er in wenigen Monaten in italienischer Sprache erscheinen wird. Ein Roman kann gefallen oder nicht, er kann auch Widerspruch provozieren oder Zustimmung. Aber das ist niemals der Grund ihn zu schreiben. Da geht es ausschließlich um den Stoff, nie um die erwartbare oder befürchtete Resonanz. Bisher waren alle meine Bücher in Italien Bestseller und wurden breit besprochen. Das wird hoffentlich auch diesmal so sein.

Gibt es eine Erkenntnis, die Leserinnen und Leser am Ende des Buchs ziehen können?

Aber bitte! Bin ich Missionar? Es ist nicht die Aufgabe eines Romans, Probleme zu lösen oder Fragen zu beantworten. Er kann höchstens auslösen, dass die Leserinnen und Leser weitere Fragen stellen – zum Thema.

Dieses Interview wurde von Veit Heinichen autorisiert und ist honorarfrei verwendbar.
©Triest24.com

 

 

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