Veit Heinichen: Scherbengericht

„Wer mit der Authentizität arbeitet, darf nicht harmoniesüchtig sein.“ Das meint Veit Heinichen im Interview über seinen neuen Triest-Krimi.

Im neuen Roman „Das Scherbengericht“ geht es um Korruption, Nepotismus, politische Machen- und Seilschaften. Ist all dies in Triest besonders ausgeprägt?

Triest ist in allem in Europa eine exemplarische Stadt, und wie in allen meinen Büchern hätten die Themen, die nicht direkt an die Geschichte der Stadt gebunden sind, auch woanders stattfinden können. Technologie-Spionage, Organhandel, Kampfhund-Kapitalismus oder die jetzt geschilderten Dinge hätten auch woanders angesiedelt sein können. Weil aber Triest quasi der Schnittpunkt Europas ist und sowohl in seiner Vergangenheit wie auch in der Suche nach einer Zukunft, in der es große Massen an Kapital zu bewegen gilt, so exemplarisch ist, ist die Stadt prädestiniert. Triest ist deswegen aber nicht schlimmer als andere Städte – und vor allem braucht mich kein Österreicher zu fragen, ob es anderswo nicht schlimmer ist mit Korruption und Nepotismus.

Im „Scherbengericht“ spielen auch aktuelle Themen wie Flüchtlinge und Asylbewerber eine große Rolle. Ist es ein Zufall, dass – wie im Buch geschildert – gerade rechte Seilschaften Immigration und Integration so bekämpfen?

Das ist ja der Anachronismus. Triest ist ja die Stadt der Einwanderer in Europa. Über 90 Ethnien haben sie groß gemacht. Man hat hier keine Probleme mit Integration, und hier ist keiner fremd, auch wenn seine Sprache oder seine Hautfarbe anders ist. Aber dennoch gibt es in dieser Konstellation der knappen politischen Mehrheiten  Gruppen, die damit auf Stimmenfang gehen. Dabei beugen sie oft die Wahrheit und verbreiten Lügen. Der Knackpunkt ist, dass das der Tradition Triests entgegensteht – und es sich deshalb auch nicht durchsetzen wird. In dem Roman habe ich Bürgerwehren erwähnt – die existieren zwar nicht, aber ein rechtsextremer Politiker will sie einführen. So etwas gibt es auch in anderen Städten, nicht nur in Italien. Dass das ausgerechnet jetzt auf den Tisch kommt und vermutlich nicht mehr sein wird als nur heiße Luft ist schon auffällig. Solche Meldungen erregen Aufsehen und sprechen eine bestimmte, einfältige Wählerschaft an. Meiner Meinung nach sind solche Forderungen vor allem verzweifelte Rundumschläge von Ertrinkenden. Politische Extremistengruppen werden ertrinken, weil sich die Welt trotz ihnen unaufhaltsam weiterdreht und sich die Phänomene, die sie bekämpfen wollen, nicht so ausschalten lassen wie das Licht. Damit wird nur der dumpfste Populismus bedient.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen?

Als Autor ist man stets ein teilnehmender Beobachter. Man konzentriert sich auf gesellschaftliche Strömungen und beschließt irgendwann, sie zu erzählen. Wenn man aufmerksam ist und gut recherchiert hat, ist man meistens eine Nasenlänge voraus. Man riecht dabei, wohin es gehen wird, denn aus den gesammelten Fakten lässt sich immer eine Perspektive bauen. Der Roman ist dabei die für mich ideale Erzählform, da lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen auf die Gefühlslage der Protagonisten herunterbrechen und sehr gut wiedergeben.

Ihre Triest-Krimis werden mittlerweile ins Italienische übersetzt, die Bücher in Italien oftmals ausgezeichnet. Welche Reaktionen wird „Scherbengericht“ vor Ort auslösen?

Die Reaktionen kann ich nicht voraussagen. Wie bei allen meinen Büchern wird es so sein, dass es dem einen schmeckt, dem anderen nicht. Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Reaktionen.

Sie spielen ja in Nebensätzen auf reale Hintergründe an – das wird doch sicherlich einige treffen, oder?

Das war in allen meinen Büchern so. Wichtig ist, dass der Zuspruch dabei stets größer war als die Anfeindungen. Aber wer mit der Authentizität arbeitet, darf kein harmoniesüchtiger Mensch sein. Man muss durchaus konfliktfähig sein. Grundsätzlich sind meine Romane aber keine lokale Gesellschaftskritik – nur die Fakten sind oft verortet.

Wie wird Laurentis Zukunft aussehen? Aus dem neuen, zehnten Buch lässt sich herauslesen, dass er doch schon etwas gealtert ist und viel abgeklärter als früher.

Klar, auch Laurenti ist älter geworden. In allen Episoden gibt es immer seine persönliche Entwicklung und die seiner Umwelt. Er hat mittlerweile eine riesige Erfahrung, aber irgendwann wird er in die Situation kommen, als Staatsdiener in Pension gehen zu müssen – was ihm mit Sicherheit nur zum Teil behagt. Er wird sich wohl dagegen sperren. Er gibt auch zu, dass er in Sachen Informationstechnologie nicht ganz auf Vordermann ist, meint aber, dazu hätte er ohnedies jüngere Kollegen. Aber auch wenn er in den Ruhestand tritt, werden noch nicht alle Geschichten aus seinem Leben erzählt sein. Außerdem weiß heute ja niemand, ob er vielleicht als Privatmann weitermachen wird. Im fünften Roman (Totentanz, Anm.) habe ich versucht, ihn umzubringen, aber ich habe es nicht geschafft.

Vielen wird auffallen, dass Laurenti nicht mehr der wilde Hund von früher ist.

Aber nur in diesem Buch ist das so. Bei jedem weiteren kann ich es allerdings nicht ausschließen…

 

Dieses Interview wurde von Veit Heinichen autorisiert und ist honorarfrei verwendbar.
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